Welche Kamera soll ich kaufen??

Verständlicherweise die allererste und wichtigste Frage zukünftiger Spitzenfotografen :-) Innerlich spürt man ja, dass die wirklich coolen und zeitlose Fotografien mit ziemlich teuren Apparaten gemacht.... nein, halt! Machen wir nicht den gleichen Denkfehler wie früher.. wunderbare Aufnahmen entstehen nicht automatisch mit wertvollen Geräten! Es gibt eine fotografische Realität jenseits von Testberichten und Datenblättern. Fotografie funktioniert sogar mit wiederentdecktem Rollfilm und Kartonschachteln mit einem Loch statt einer Optik, wie die berühmte Camera Obscura, über die sich schon Königshäuser amüsierten. Mit alten Kameras, die sich auf dem Estrich unserer Grosseltern finden lassen entdecken wir mehr über Fotografie als mit einer modernen Digitalen.

Der wahrscheinlich wichtigste Schritt, wenn wir ein bisschen mehr aus dieser Kunstform machen wollen, ist das Beschaffen einer sog. Digitalspiegelreflexkamera. Und als erstes: Nein, sie muss nicht teuer sein. Es gibt Modelle bereits ab etwa 400 Franken, was bestimmt sinnvoller ist als bei Geräten, an denen man das Objektiv gar nicht wechseln kann...
Genau dies ist der Punkt: Eine Digitalspiegelreflexkamera bietet den Wechsel der Optik an. Digitalkameras, die oft auf den ersten Blick sehr ähnlich scheinen sind in vielen Fällen Bridgekameras. Solche Fotoapparate haben einen grossen Zoombereich, das ist aber bereits alles, denn das Objektiv lässt sich nicht wechseln. Ihre Sensoren sind meist noch kleiner als bei Digitalspiegelreflexmodellen. Dies wirkt sich stark auf die Bildqualität aus, vor allem ersichtlich beim Bildrauschen. Wenn schon die Grösse zwingend eine Rolle spielt und das Kameramodell möglichst in einer Designerhandtasche verstaut werden soll kaufen Sie am besten gleich eins mit der Grösse einer halben Zigarettenschachtel. Den Kauf einer Bridgekamera vor sehr vielen Jahren betrachte ich heute noch als das Überflüssigste, das ich jemals erworben habe. Natürlich hab ich sie rege benutzt, aber mit dem gleichen Betrag wäre der Kauf eines Modells mit Wechseloptik die sehr viel bessere Wahl gewesen.

Eine Digitalspiegelreflexkamera bietet noch einige Vorteile mehr: Wenn Sie sich für ein gutes Objektiv entschieden haben funktioniert dieses auch mit einem später dazugekauften Kameragehäuse. Auf diese Weise kann man ein beständiges System aufbauen. Wenn wir ausserdem darauf achten, grundsätzlich Linsen zu kaufen, die für das Vollformat geeignet sind, ist das vielleicht die beste Entscheidung die Sie in Ihrem Leben getroffen haben. Natürlich abgesehen davon, Ihre Verlobte zu heiraten, keine Frage...liest sie gerade mit? Aber im Ernst: Das ist ein Punkt, der sich lohnt. Dies zu berücksichtigen bedeutet, zukunftssicher zu investieren. Denn eine Optik, die für das Vollformat konstruiert ist ist ohne Einschränkungen auch für kleinere Bildsensoren geeignet. Nur die Brennweite ändert sich. Objektive für die kleinen Bildsensoren sind für grössere Kameras jedoch unbrauchbar, da sie ein zu kleines Bild für den grossen Sensor erzeugen.

Bei den Vollformat-Kameras kann die nachträgliche Kompatibilität zwar eingestellt werden, jedoch wird dann nur ein kleiner Teil des Bildsensors genutzt. So ähnlich etwa, wie wenn wir ein kleines Guckloch in die vereiste Frontscheibe des Autos kratzen und die überragende Aussicht dem Polizisten zu erklären versuchen. Deswegen kann die Qualität des Vollformat-Bildsensors mit Objektiven, die für kleine Sensoren gerechnet sind niemals erreicht werden. Fazit: Wenn immer möglich von Beginn weg Objektive kaufen, die für das Vollformat geeignet sind.

Die Frage nach der "richtigen" Kamera lässt sich also nicht in einem einfachen Satz beantworten. Denn das System der Foto-Komponenten ist dafür einfach zu komplex. Aber ein grosser Vorteil bei den "global players" Nikon und Canon ist die Tatsache, dass die beiden auf einzigartige Art ihre Beständigkeit bewahrt haben. Das bedeutet, dass man eine gewisse Sicherheit und Kontinuität voraussetzen kann, um sich ein Fotosystem aufzubauen. Es ist fast problemlos möglich, ältere Objektive mit dem neusten Kameramodell zu kombinieren. Dies ist nicht einfach nur für Schnäppchenjäger interessant. Ein Fotograf, der sich für eine Marke entschieden hat, ist ebenso dankbar, zukünftige Kameramodelle mit den in die Jahre gekommenen Linsen kombinieren zu können.

Das beständigste in diesem Bereich sind tatsächlich die Objektive! Während Kameras und Sensoren sich jährlich übertrumpfen, herrscht bei den Glaslinsen eine geradezu unfassbare Stabilität. Es ist möglich, dass ein zwanzigjähriges Objektiv, das für 35mm-Kameras entwickelt wurde die praktisch gleiche Leistung erbringt wie eine moderne Optik. Auch wenn noch keine Autofokusfunktion existiert - aber die Glasqualität war schon vor Jahrzehnten brillant. Und kann auch mit höchsten angebotenen Auflösungen, Linien und Pixeln mithalten. Da Nikon und Canon eine durchdachte und echt intelligente Strategie führen und seit vielen Jahren den unveränderten Bajonettverschluss bauen können sie den Kunden ein riesiges Angebot von kompatiblen Systemen anbieten. Dadurch haben sie auf dem Weltmarkt einen unschätzbaren Vorteil. Denn wenn einem Fotografen auf dem Flug die Objektive abhanden kommen, kann er notfalls vor Ort zwei günstige Secondhand-Gläser kaufen und bringt seine Reportage zu Ende. Oftmals sind es solche Stories, die schlussendlich zum Erfolg führten. Wohl deshalb benutzen Fotografen Marken wie Nikon, Canon oder Hasselblad.

© Michael Rippas