Professionelle Retusche


Vielfach ist die Nachbearbeitung der Bilder ein ideologisches und emotionales Diskussionsthema. Dabei verteidige ich selbst die Auffassung, dass die Retuschen der Fotografie richtig und notwendig sind.
Diejenigen, die selten bis keine Retuschen durchführen stehen ebenfalls zu ihrer Ansicht, das ist auch gut so. In erster Linie soll der Kunde dies einfach wissen, um sich seine persönliche Sichtweise bilden zu können. Ich erinnere mich an ein Interview mit Xenia Tchoumitcheva; dabei bemerkte sie, dass sie sich bei einem bevorstehenden Shooting besonders Mühe beim Schminken geben müsse, da der zuständige Fotograf kaum Nachbearbeitungen durchführe. Dies hat mich gelinde gesagt schon etwas erstaunt. Denn auch bei einem gut aussehenden Menschen sind studiobedingte Optimierungen einfach Pflicht. Dies kann ein Fussel auf dem Kleid sein, der grundsätzlich erst später am Bildschirm entdeckt wird..


Tatsache ist, dass die digitale Fotowelt heutzutage mittels Software verarbeitet wird. Deshalb sollten wir uns bewusst sein, dass selbst digitale Puristen die gleichen Werkzeuge benutzen wie die Retuscheprofis. Somit kann man bestenfalls von einer kaum zu bestimmenden Grenze sprechen. Denn kein Fotograf wird seinem Kunden das Originalfoto direkt ab Kamera liefern. Um ein ansprechendes Resultat zu präsentieren sind nun mal bestimmte Schritte nötig, die prinzipiell als Nachbearbeitung anzusehen sind. Sei es auch nur die Optimierung der Lichtfarbe.


Aber wieso braucht es überhaupt eine Nachbearbeitung? Sind denn moderne Kameras nicht gut genug, ein perfektes Bild zu liefern? Ebenso oft fällt im Gespräch der Einwand, dass mit Retuschearbeiten die Wirklichkeit verbogen wird.


Nemen wir als leuchtendes Beispiel die Werbefotografie. Kameras und Equipment zum Preis eines Porsche sind die Grundlage eines beispiellosen Retuschemarathons, mit dem ein Bild teilweise bis zur fast völligen Neuschöpfung gezielt verändert wird. An der Qualität der Kamera braucht wohl kaum gezweifelt zu werden. Was hier jedoch auffällt ist die Strategie. Werbung bedeutet planmässiges Vorgehen und genaueste Kenntnisse was technisch machbar ist. Hier erhalten wir ein Bild als Ausgangsbasis, die neue Grundlage, auf der das Endprodukt entsteht.


Nehmen wir weiter das Verändern der Wirklichkeit durch die Retusche. Wenn wir ehrlich sind, fällt uns auf, wie bereits der Einsatz verschiedener Objektive die Realität verzerrt, und zwar wortwörtlich. Ausserdem können Welten zwischen zwei Aufnahmen liegen, wenn bei einem Foto ein Blitzlicht ausgelöst wurde, beim anderen aber nicht. Vom Umgebungslicht der Jodquarzlampen, die einen markerschütternden Kontrast mit einer modernen LED-Strassenlaterne bilden und reihenweise Fotografen in den Wahnsinn treiben fangen wir erst gar nicht an.


Sobald wir jedoch versuchen, diese vielen Ungereimtheiten nachträglich mit Photoshop zu bearbeiten verändern wir ein weiteres Mal. Nicht direkt die Realität der Aufnahme. Die Realität haben wir bereits beeinflusst durch die Wahl der Optik, den Ausschnitt und der Art des Gesichtsausdrucks einer Person. Diese Schritte werden meist gar nicht wahrgenommen. Aber sie sind genauso in die Logik eines Bildes eingebunden worden wie eine Retusche. Es gibt Geschichten von Malern im Mittelalter, die hingerichtet wurden, weil dem König das Werk nicht gefiel...


Mit der Retusche erreiche ich beispielsweise, dass das weisse Hochzeitskleid nicht zu stark grün gefärbt wird, da die Braut auf dem Rasen steht. Auch schätzen viele Kunden, dass störende Objekte wie Abfallcontainer usw. im Hintergrund einfach nicht mehr da sind. Sie dürfen mir glauben, dass ich bis jetzt noch nie einen Anruf erhalten habe, dass ein Absperrungsband, das sich doch im Hintergrund befinden müsse gefehlt habe. So herrlich rotweisse Signalfarben, die einen reizvollen Kontrast zum sich küssenden Brautpaar, von Blumen umgeben... Sie wissen was ich meine.


Gerade in der Hochzeitsfotografie ist es praktisch unmöglich, sich das Szenario zu gestalten, somit sind wir Fotografen froh um Optimierungswerkzeuge. Es ist für alle, vor allem für die Braut, ein wunderschönes Gefühl, wenn jeder Betrachter unisono meint: "Wow! Einfach wow, du siehst megaschön aus"! Bevor Sie jetzt glauben, dass es offenbar nur mit Photoshop klappt, gut auszusehen möchte Ihnen ich an dieser Stelle etwas wirklich wichtiges verraten:
Erst einmal werden, gerade bei Hochzeiten verschiedene Strategien umgesetzt. Die Braut wird geschminkt und der Sitz der Kleidung, die Wahl der Schuhe und vieles mehr vereinigen sich zu einer ausserordentlichen optischen Erscheinung. Durch die Auswahl des Equipments, der Beachtung des Lichts uvm. schafft der Fotograf eine weitere Steigerung. Somit werden Resultate möglich, die atemberaubend sein können.


Erinnern Sie sich an Aufnahmen von umwerfenden Hollywoodstars, die beim täglichen Einkaufen oder mit ihrem Hund unterwegs sind? Hätten wir sie erkannt, wenn nicht im Begleitartikel mehrfach darauf hingewiesen würde? Na also, so sehen wir doch alle irgendwie aus. Erstaunlich ist es, dass wir das als "völlig klar" empfinden. Das Zurückverwandeln in einen normalen Menschen nämlich. Jetzt sollten wir den Mut aufbringen, etwas zu tun, was erst undenkbar erscheint, für die Stars aber alltäglich ist: Dass wir uns ebenso in etwas Ausserordentliches verwandeln können!


Michael Rippas


Fotografie